Kategorie: Sport

  • In den letzten Wochen war ich wieder regelmäßiger Laufen. Dabei ist mir etwas aufgefallen, das mich schon lange stört: Meine Schnürsenkel gehen ständig auf. Im Winter ist es besonders lästig. Mit kalten Fingern erst die Handschuhe ausziehen, dann die Schuhe binden, wieder anziehen – und das manchmal gleich mehrmals in einer Stunde.

    Vielleicht bin ich einfach nicht gut darin, Knoten zu binden. Aber irgendwann war die Geduld am Ende, und ich habe mich nach Alternativen umgesehen.

    So bin ich beim Berluti-Knoten gelandet. Er hält bisher zuverlässig, und ich finde sogar, dass er ganz ordentlich aussieht. Noch ist es ungewohnt, nach über dreißig Jahren den altbekannten Knoten zu ersetzen. Aber es fühlt sich nach einer kleinen Veränderung an, die bleibt: Schnürsenkel, die nur dann aufgehen, wenn ich sie selbst öffne.


  • Wie Leichtigkeit und Freude wieder in mein Leben kamen

    2025 war anders. Unser erstes Kind ist ins Leben getreten – und als frischgebackener Papa verschieben sich Prioritäten nicht langsam, sondern auf einen Schlag.

    Rückblickend hatte ich in den Jahren davor ziemlich viel Freizeit. Und ein Teil davon ist in Dinge geflossen, die für mein Leben nicht besonders nachhaltig waren. Viel Zeit wurde unbewusst auf YouTube verbracht oder auf irgendeiner anderen Plattform im Internet. Zeit war ja irgendwie da. Oder vielleicht auch nicht – nur habe ich vieles gerne vor mir hergeschoben, weil ich dachte, ich könnte es später immer noch machen.

    Mit Baby war dann auf einmal nicht mehr so viel „freie Zeit“ da. Oder besser: Der Fokus ist viel klarer geworden. Denn es ist eindeutig eine Zeit, die ich nicht verpassen will. Und genau dadurch ist mir etwas aufgefallen, das ich lange nicht verstanden habe:

    Ich habe mir selbst oft die falsche Frage gestellt.

    Nicht: „Was ist mir wichtig?“
    Sondern: „Was könnte ich alles machen?“

    „Könnte“ klingt harmlos. Offen. Frei. Aber für mich war es oft das Gegenteil. „Könnte“ macht unendlich viele Optionen auf – und genau das hat mich häufig überwältigt. Es hat weniger zu Bewegung geführt, und mehr zu Paralyse. Zu dieser Art von „Ich beschäftige mich mit Möglichkeiten“, statt tatsächlich zu leben.

    Heute ist eine andere Frage in mein Leben gekommen:

    „Was ist mir im Moment wichtig für mein Leben?“

    Und plötzlich kamen Antworten, die mir die alte Frage so nie gegeben hat. Ich möchte für meine Familie da sein. Für mein Kind. Ich möchte ein glückliches, erfülltes Leben führen. Ich möchte mein Leben wirklich erleben – und nicht ständig durch Medien abgelenkt werden, als würde ich das Leben nur nebenbei wie einen Film konsumieren.

    Und damit sind wir beim Sport. Genauer gesagt: beim Laufen.

    Ein Blick zurück: Laufen war da – aber nie im Fluss

    Vor über zehn Jahren war ich mal relativ sportlich. Ich habe viel Zeit draußen verbracht, und mir ging es ziemlich gut damit. Die Gründe, warum ich damals Sport gemacht habe, waren vermutlich andere als heute – aber eines war gleich: Laufen tat mir gut.

    Trotzdem bin ich seit 2015 nie mehr so richtig in einen Fluss gekommen. Mein Muster war oft ähnlich: drei bis sechs Monate Training – und dann eine Verletzung. Und rückblickend war mein Laufen häufig vor allem eins: anstrengend.

    Selbst 2025 ging es noch bergauf und bergab. Dieses Mal oft aus Krankheitsgründen, weil das Baby natürlich alles Mögliche „mit nach Hause“ bringt. Aber ich habe auch gelernt: Wenn sich über Jahre immer wieder dasselbe Muster zeigt, steckt meist etwas dahinter. Gerade wenn es seit über zehn Jahren nicht wirklich klappen will.

    Irgendwas passte für mich nicht – auch wenn ich lange nicht benennen konnte, was es ist.

    Der Auslöser: eine Nachricht vom Schwager – und ein Konzept, das plötzlich Druck rausnimmt

    Als ich gerade wieder in einer Laufpause war, schrieb mich mein Schwager an. Er fragte, ob ich nicht beim BYU im Westerwald nächstes Jahr mit starten wollte. Anfangs war ich skeptisch.

    Im Nachhinein war das eine der besten Sachen, die mir in den letzten Jahren passiert sind.

    Das Konzept ist simpel, aber irgendwie genial: ein Ultra-Lauf in Runden. Jede Runde zählt. Du kannst nach jeder Runde aufhören – oder weiterlaufen. Es gibt keinen klassischen Moment von „Scheitern“, weil du nicht bei Kilometer X „rausfliegst“, sondern einfach so viele Runden machst, wie du kannst.

    Und genau da passierte etwas Unerwartetes:

    Der Wettkampf selbst rückte ziemlich schnell in den Hintergrund.

    Der wirklich spannende Teil war das Training dahinter – und das, was dieses Training in meinem Alltag verändert.

    Learning 1: „Könnte“ macht Optionen auf – „wichtig“ macht Entscheidungen

    Durch das Baby (und vielleicht auch durch das Älterwerden) ist mir klar geworden: Ich brauche nicht mehr mehr Optionen. Ich brauche weniger – aber dafür echte.

    „Was könnte ich alles machen?“ hat mich oft in diese Überforderung geführt, in der ich am Ende nichts wirklich anfange.
    „Was ist mir gerade wichtig?“ ist enger. Und genau dadurch ist es befreiend.

    Das hat nicht nur mit Sport zu tun, sondern generell mit Leben: Wenn alles möglich ist, ist nichts klar. Wenn ein paar Dinge wichtig sind, wird alles ruhiger.

    Learning 2: Tempo war mein falscher Hebel – Kontinuität ist der echte

    Ich fing wieder an zu trainieren – und merkte ziemlich schnell, dass ich all die Jahre davor viel zu intensiv gestartet bin. Ich wollte schnell vorankommen. Tempo und Grundlage flott erhöhen. Und ich habe jedes Mal die Quittung bekommen.

    Diesmal war es anders.

    Nicht, weil ich plötzlich „disziplinierter“ war. Sondern weil sich das Ziel verschoben hat. Beim BYU gibt es keine feste Zeit und keine feste Strecke. Tempo ist erstmal nebensächlich. Und das nimmt einen riesigen Druck raus.

    Das Ergebnis: Ich habe angefangen, das Richtige zu trainieren – nicht das, was sich kurzfristig „sportlich“ anfühlt.

    Learning 3: Puls (und später Gefühl) statt Ego

    Ich bin bewusst nach Puls gelaufen. Später immer mehr nach Gefühl. So niedrig, dass es sich zwar nach Laufen anfühlt – aber Reden problemlos möglich ist. Der Talk-Test war auf einmal nicht mehr eine nette Theorie, sondern ein echter Kompass.

    Und etwas ist passiert, das ich lange nicht mehr erlebt habe:
    Ich habe das Laufen wieder gemocht.

    Nicht als Projekt. Nicht als Leistung. Sondern als Zeit draußen.

    Ich habe mir sogar wieder erlaubt, zwischendurch Fotos zu machen. So wie früher, als ich beim Laufen oft einfach draußen unterwegs war. Ich habe lieber die Zeit verlängert, statt das Tempo zu erhöhen. Und ich habe Laufen wieder als Energie tanken genutzt – nicht als zusätzliche Belastung.

    Learning 4: „Mehr“ bringt nicht automatisch Fortschritt – oft bringt es nur Stress

    Ich habe in den letzten Monaten viel zum Thema Laufen gelesen und geschaut. Und ich bin relativ schnell beim Thema Laufökonomie gelandet.

    Das ist so ein Bereich, den ich früher komplett vernachlässigt habe. Nicht, weil er unwichtig war, sondern weil ich ihn nicht „gefühlt“ habe. Laufökonomie ist nicht so sichtbar wie Pace. Sie ist subtil. Aber sie verändert alles.

    Und plötzlich hatte ich den Raum dafür. Weil Zeitvergleiche und Tempo in meinem Kopf nicht mehr so wichtig waren.

    Ich begann, bewusster zu laufen. Auf Haltung zu achten. Auf Schritte. Auf Lockerheit. Auf „leise“ statt „hart“. Und ich habe gemerkt, wie sehr ich solche Basics jahrelang ignoriert hatte – bis ich irgendwann dafür bestraft wurde (oder mich selbst bestraft habe).

    Learning 5: Schmerzen sind nicht „normal“ – sie sind Feedback

    Mittlerweile mache ich das seit gut drei Monaten so – und ich merke deutlich, wie mein Lauf runder geworden ist. Ruhiger. Leiser.

    Schmerzen oder Probleme habe ich fast gar keine mehr.

    Und das Spannendste: Ich merke beim Laufen oft schon früh, wenn etwas nicht stimmt. Dann passe ich die Haltung leicht an – und häufig verschwindet das Problem sofort. Früher war ich viel stumpfer unterwegs: mehr Druck, mehr Tempo, mehr „durchziehen“. Und irgendwann kam dann die Verletzung.

    Heute ist es eher so: Ich höre früher hin. Und dadurch muss ich nicht mehr „bezahlen“.

    Was sich verändert hat: Der Wettkampf ist nebensächlich – die Lebensqualität ist zentral

    Ein paar Monate sind vergangen seit dem Startschuss für das Training. Und der Wettkampf selbst ist für mich wirklich nebensächlich geworden.

    Was nicht nebensächlich ist: Was das Laufen mit meinem Alltag macht.

    Ich merke, wie es mir wieder Lebensqualität bringt – statt Ballast zu sein.
    Ich habe mehr Energie fürs Kind. Ich bin ausgeglichener. Fitter. Präsenter. Und ich kann besser unterscheiden, was mir gut tut und was mich nur beschäftigt.

    Und genau hier schließt sich der Kreis zur Frage, die mich in den letzten Monaten immer wieder begleitet hat: Wie geht’s mit Leichtigkeit und Freude im Leben?

    Das ist keine „Feel-good“-Frage. Und sie bedeutet nicht, dass man sich nie anstrengt – weder beim Laufen noch im Leben. Aber wenn sich alles dauerhaft nur noch schwer anfühlt, nur noch zäh, nur noch wie gegen einen unsichtbaren Widerstand, dann ist diese Frage ein ziemlich guter Wegweiser.

    In den letzten Monaten ist mir klar geworden: Der Wettkampf ist nicht das Zentrum. Er ist eher ein Anlass. Das Eigentliche passiert davor – in den kleinen, unspektakulären Läufen, die sich nicht nach Heldentat anfühlen, sondern nach Alltag. Und genau das ist neu für mich: dass Alltag plötzlich trägt.

    Ich laufe nicht mehr, um schnell zu werden. Ich laufe, um stabil zu werden. Um mich selbst besser zu spüren. Um draußen zu sein, statt irgendwo im Kopf zu hängen. Und um eine Version von mir zu sein, die mehr Energie hat – fürs Kind, für meine Familie und auch für mich.

    Die Frage „Wie geht’s mit Leichtigkeit und Freude?“ ist dabei kein Slogan. Sie ist wie ein Kompass. Nicht, weil alles leicht sein muss. Sondern weil ich gelernt habe, dass dauerhaftes Schwersein ein Signal ist. Dann stimmt etwas nicht – im Training oder im Leben.

    Und vielleicht ist das das größte Learning: Leichtigkeit ist nicht „ohne Anstrengung“. Leichtigkeit ist „mit Richtung“. Und Freude ist oft nicht das Ziel am Ende – sondern das Zeichen unterwegs, dass ich gerade richtig gehe.


  • Ich habe sehr lange nicht mehr geschrieben – vor allem nicht über Sport. In den letzten zehn Jahren ist viel passiert. Nur habe ich es in dieser Zeit nie geschafft, wieder eine wirklich regelmäßige Sportroutine aufzubauen. Zwei Mal bin ich zu einem Lauf gestartet, aber das waren Firmenläufe über rund fünf Kilometer. Da war nicht mehr viel Leidenschaft dabei.

    Generell haben mich klassische Volksläufe in den letzten Jahren nicht wirklich emotional abgeholt. Wenn, dann lag das eher an der gemeinsamen Erfahrung in der Gruppe – nicht am Lauf selbst. Dafür liebe ich die Natur einfach zu sehr und bewege mich dort am liebsten.

    In den letzten Wochen war beim Laufen ohnehin etwas Ebbe. Und genau dann kam die Verwandtschaft mit einer Idee um die Ecke: Ein Backyard Ultra im nächsten Jahr – ganz in der Nähe. Irgendwie hat das Konzept sofort einen Nerv bei mir getroffen.

    Eine 6,7-Kilometer-Runde, die man so oft läuft, bis man sie nicht mehr rechtzeitig vor dem Start der nächsten Runde schafft – oder einfach nicht mehr will. Jede Runde startet genau 60 Minuten nach der vorherigen. Solange man sie also vorher beendet, bleibt Zeit für eine kurze Pause.
    Das heißt: Man kann eine Runde laufen – oder fünf, zehn, zwanzig oder wie bei manchen Rennen dieser Art sogar über mehrere Tage hinweg.

    Das Tempo ist moderat, der Fokus liegt auf Ausdauer – und auf dem Kopf. Und das ist etwas, womit ich nach all den Jahren gerade sehr viel anfangen kann.

    Nach einer Nacht war die Entscheidung klar: Ich bin angemeldet für den 1. Westerwälder Backyard Ultra am 5. Juni 2026.

    Jetzt wird dafür trainiert. Das Schöne: Das Training passt perfekt zu mir. Hauptsache bewegen, Zeit auf den Beinen verbringen und gesund bleiben. Kein großes Tempo, dafür zählen auch Radeinheiten oder Wanderungen – ideal mit kleinem Kind.

    Was am Ende am 5. Juni 2026 rauskommt, wird sich zeigen. Vielleicht schaffe ich in der Zeit tatsächlich eine Ultra-Strecke – oder sogar mehr. Die Aufregung ist groß, aber es hilft, einen Mitstreiter zu haben. So rede ich mich auf jeden Fall nicht mehr raus.


    Und selbst wenn: Am Ende kann ich einfach an den Start gehen, egal was dabei herauskommt. Eine, zwei oder ein paar mehr Runden werden es sicher werden.

    Was zählt: wieder Freude an der Bewegung – und das Gefühl, dabei zu sein.